July 18, 2021
De parte de EZLN
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Jul172021

Die UnzeitgemĂ€ĂŸe – sowie eine mexikoweite Initiative.

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COMISIÓN SEXTA ZAPATISTA.

Mexiko.

Juli 2021.

An die AnhĂ€nger*innen der ErklĂ€rung fĂŒr das Leben.
An das Europa von unten und links.
An die Sexta Nacional und Internacional (1)
An den Congreso Nacional IndĂ­gena  (CNI) – Indigener Regierungsrat (CIG).
An die Netzwerke in Widerstand und Rebellion.
An das Kollektiv »LllegĂł la Hora de los Pueblos – Die Stunde der Pueblos ist gekommen«.

Von: Subcomandante Insurgente Moisés.

Compañeras, Compañeroas, Compañeros,
Schwestern, Schwestern*BrĂŒder, BrĂŒder,

Ich grĂŒĂŸe Euch im Namen der Kinder, Frauen, AnderEn, der Alten und MĂ€nner der zapatistischen Gemeinden und teile Euch folgendes mit:

Erstens.- Ein starkes zapatistisches Luftfahrtunternehmen aus 177 Compañeros ist bereit. Es besteht vollstĂ€ndig aus Originarios (2) mit Maya-Wurzeln der Sprachen Cho ́ol, Tzotzil, Tzeltal, Tojolabal und Castilla [Spanisch]. Wir alle sind innerhalb der Geographie geboren, die Mexiko genannt wird. Unsere Vorfahren wurden hier geboren und starben auf diesen Erden. Da der mexikanische Staat unsere IdentitĂ€t und Herkunft nicht anerkennt und uns sagt, wir seien »ExtemporĂ€re, UnzeitgemĂ€ĂŸe« (das ließ das SRE – Sekretariat der Regierung fĂŒr Außenbeziehungen (3) – verlautbaren: Wir seien »extemporĂ€re« Mexikaner.) – haben wir entschieden, unsere Flug-Staffel des Zuhörens und der Worte – »Die ExtemporĂ€re – Die UnzeitgemĂ€ĂŸe« zu taufen.

Wie wir in den WörterbĂŒchern gesehen haben, bedeutet »extemporĂ€r«: »ungelegen, unangebracht sein;  unangemessen, unschicklich sein«, oder: »unpassend innerhalb der Zeit, in der es geschieht«. Das Heißt: wir sind Unangebrachte, Unschickliche und UnzeitgemĂ€ĂŸe.

Niemals zuvor haben sie uns dermaßen angemessen definiert. Wir sind glĂŒcklich darĂŒber, dass der mexikanische Staat letztendlich anerkennt: Derart sieht er die Pueblos originarios (4) der Mexiko genannten Geographie. Ich glaube, auf diese Weise beklagt derjenige, der uns nicht vernichten konnte 
 noch nicht – dass unserer Existenz dem offiziellen Diskurs ĂŒber die »Conquista« widerspricht. Nun wird verstĂ€ndlich: Der Grund fĂŒr die Forderung des mexikanischen Staates an Spanien, es solle um Vergebung bitten, liegt darin, dass jenes uns nicht vernichtet hat.

Von den 177 Delegiert*innen haben 62 von uns Frauen und MĂ€nner noch keinen Reisepass. Das Außenministerium versteift sich in der »UngebĂŒhrlichkeit«, die wir reprĂ€sentieren. Obzwar wir IdentitĂ€ts- und Herkunftsnachweise erbrachten, fahren sie fort, mehr und mehr zusĂ€tzliche Papiere zu verlangen. Es fehlt lediglich, die Regierungen der zentralamerikanischen Staaten zu bitten, sie sollten bestĂ€tigen, dass wir nicht ihre StaatsbĂŒrger*innen sind.

2.- Das Luftfahrtunternehmen »Die ExtemporĂ€re – Die UnzeitgemĂ€ĂŸe«, dessen Vorsitz ich innehabe, hat sich seit Oktober 2020 vorbereitet. Wir sind seit fast einem Monat in QuarantĂ€ne. Folgendermaßen setzt es sich zusammen:

.- Verschiedene Gruppen »des Zuhörens und der Worte – Escucha y Palabra«. Bestehend aus indigenen Zapatistas, deren Leben und Erinnerung die Geschichte unseres Kampfes – von den Jahren vor dem Aufstand [1994] bis hin zum Anfang der Reise fĂŒr das Leben – abdeckt.

.- Eine Frauen-Fußball-Equipe. Sie wird gebildet von 36 MilizionĂ€rinnen (5), die auch Teil der Gruppe »Escucha y Palabra« sein werden. Als Namen und Beispiel haben sie sich die verstorbene Comandanta Ramona gewĂ€hlt (die erste, die Chiapas verließ (6)). Sie nennen sich  »Ixchel Ramona« (7) und unter dieser Bezeichnung werden sie die Spielfelder Europas betreten.

.- Das selbst ernannte »Comando Palomitas – Kommando Popcorn« – bestehend aus 6 MĂ€dchen und Jungen der Gruppe »Spiel und Juxerei«. Sie haben sich, wie wir alle, vorbereitet.

.- Die Koordinierungsgruppe der Invasion. Das sind diejenigen, die die Aufgabe haben, zu organisieren und die gegebenenfalls die Gruppen »Escucha y Palabra« verstĂ€rken – welche sich auf die 5 Zonen, in die wir den Kontinent Europa eingeteilt haben, verteilen werden. Jene werden sich auch um die freien Medien und die Bezahl-Medien kĂŒmmern, an runden Tischen, Konferenzen oder [anderen] öffentlichen Aktionen teilnehmen – und sie werden den Fortgang der Invasion auswerten.

Zusammen mit dem Geschwader 421 werden wir die erste zapatistische Welle umsetzen und damit beginnen, diejenigen zu besuchen, die uns eingeladen haben. Mit Aufmerksamkeit und Respekt werden wir Euch zuhören. Und falls darum gebeten wird, werden wir Euch von unserer kleinen Geschichte des Widerstands und der Rebellion erzÀhlen.

3.- Mit uns – Frauen und MĂ€nner – wird eine Delegation des Congreso Nacional IndĂ­gena (CNI) – Indigener Regierungsrat (CIG) reisen: zehn Indigene der Sprachen Maya originaria, Popoluca, BinizĂĄ, PurhĂ©pecha, Raramuri, OtomĂ­, Naayeri/Wixarika und Nahua; sowie drei Geschwister der Frente de Pueblos en Defensa de la Tierra y el Agua de Tlaxcala, Puebla y Morelos. Insgesamt 13.

4.- Da es an mir ist, die Verantwortung fĂŒr die Reise fĂŒr das Leben – Kapitel Europa zu ĂŒbernehmen, habe ich dem Subcomandante Insurgente Galeano die Leitung fĂŒr Mexiko ĂŒbergeben – damit er schnellst möglichst Kontakt aufnimmt mit dem Congreso Nacional IndĂ­gena (CNI) – Indigener Regierungsrat (CIG), den Netzwerken des Widerstands und der Rebellion, mit NGOs der Menschenrechtsverteidigung, mit Kollektiven der Opfer von Gewalt, Familienangehörigen von Verschwunden gemachten und Ă€hnlichem; sowie mit KĂŒnstlern, Wissenschaftlern und Intellektuellen – mit dem Ziel, sie wissen zu lassen von einer neuen mexikoweiten Initiative und  sie dazu einzuladen, sich dafĂŒr zu organisieren. Und somit eine Front in unserem Land zu eröffnen – im Kampf fĂŒr das Leben.

5.- In einigen Tagen werden wir unsere Reise beginnen; und wir werden Euch im gegebenen Moment informieren. Im Augenblick sind wir dabei zu versuchen, uns alle impfen zu lassen, damit wir Euch keine Gesundheitsprobleme mitbringen – darauf wartend, dass die so genannte »3. Welle« der Infektionen in Mexiko ein wenig sinkt.

Danach werden wir uns zum Caracol Jacinto Canek in San CristĂłbal de las Casas begeben. Dort werden wir uns sammeln. Und von dort werden wir uns nach Mexiko Stadt aufmachen, wo wir als 177 Delegiert*innen zu den BĂŒros des Außenministeriums gehen werden. Damit sie uns dort öffentlich und direkt sagen können: Wir als »UnzeitgemĂ€ĂŸe, ExtemporĂ€re« hĂ€tten keinerlei Rechte und ihr »Apirationismus« (8) zwinge sie dazu, die Verantwortung an rassistische, ignorante BĂŒrokraten zu ĂŒbergeben.

Danach werden wir Euch die exakten Daten mitteilen. Denn, so wie es scheint, sind wir auch fĂŒr die französische Regierung inopportun. Und na klar, zusĂ€tzlich dazu gibt es noch die erneute weltweite Covid 19-Welle.  Wie sollte die Globalisierung sich auch anders zeigen.

6.- Wir sind ein wenig nervös aber froh – denn es ist ja nicht das erste Mal, dass wir etwas machen, ohne zu wissen, was uns erwartet. Wir danken jetzt bereits dem Europa von unten, der Sexta Nacional, den Netzwerken des Widerstands und der Rebellion, den solidarischen NGOs – hier und auf der anderen Seite des Ozeans, und dem Kollektiv »LlegĂł la Hora de los Pueblos« – fĂŒr die ökonomische und materielle UnterstĂŒtzung, die es ermöglichen wird, diese Flugreise zu realisieren. Die Kosten der maritimen Reise [des Geschwaders 421] und der gesamten ReisepĂ€sse wurde insgesamt durch die EZLN gedeckt (jeder Pass zwischen 10.000 und 15.000 Pesos – wegen der stĂ€ndigen Hin- und RĂŒckfahrten zu unseren Pueblos, um als »ExtemporĂ€re« die lĂ€cherlichen Anforderungen des mexikanischen Staates zu erfĂŒllen). Das lĂ€sst uns ohne Reservefonds zurĂŒck. Diese KostenĂŒbernahme reprĂ€sentiert jedoch nicht die Übernahme irgendwelcher persönlichen Kosten der Delegiert*innen.

7.- Von der mexikoweiten Initiative – mit der der SupGaleano beauftragt ist – sage ich Euch bloß vorneweg: Sie wird mit unserem Aufruf beginnen, an der so genannten »Volksbefragung« am 1. August teilzunehmen. Und dort mit »Ja« zu antworten auf die Frage, ob etwas gemacht werden muss oder nicht, damit das Recht auf Wahrheit und Gerechtigkeit derjenigen erfĂŒllt wird, die durch die Handlungen oder Unterlassungen des mexikanischen Staates zum Opfer wurden. (Dies und nichts anderes bedeutet die Frage, die der höchste Gerichtshof des Landes, was sich Mexiko nennt, ausgearbeitet hat.) Diejenigen – die sich oben, innerhalb der »Oppositionsparteien« gegen diese Befragung wehren – fĂŒrchten nicht nur ihre Folgen. Es schreckt sie, dass die Opfer ihre Forderungen wieder zurĂŒckerobern könnten – gegenĂŒber dem niedertrĂ€chtigen, perversen Nutzen, den die Ultrarechte aus ihrem Schmerz zu schlagen sucht. Der Schmerz jedoch darf kein Wahl-GeschĂ€ft sein – noch weniger fĂŒr so beschissene Resultate, dass welche wieder an die Regierung gelangen, die einige der Hauptverantwortlichen der Gewalt sind und zuvor sich lediglich dem gewidmet haben, Geld und Zynismus anzuhĂ€ufen. Darum tut auch das Nationale Wahlinstitut (INE) alles Mögliche, damit die Befragung scheitert (das INE, das uns Indigene ebenfalls als »ExtemporĂ€re« betrachtet und uns den Wahlausweis verweigert). Das Nationale Wahlinstitut weiß, es trĂ€gt – wegen seiner exklusiven Politik fĂŒr hellhĂ€utige, urbane Menschen – einen Teil der Verantwortung.

Es muss sich dorthinein begeben werden; nicht nach oben schauend sondern auf die Opfer. Die Befragung muss zu einer »extemporĂ€ren  – unzeitgemĂ€ĂŸen« Befragung gewandelt werden. Mit dem Ziel damit eine Mobilisierung fĂŒr eine Wahrheits- und Gerechtigkeitskommission – oder wie auch immer sie genannt werden wird – anzustoßen. Denn es kann kein Leben geben, ohne Wahrheit und Gerechtigkeit.

Im Moment ist das alles.

Aus den Bergen des SĂŒdosten Mexikos.

FĂŒr die extemporĂ€ren – unzeitgemĂ€ĂŸen Zapatistas.

Subcomandante Insurgente Moisés.

Immer noch in Mexiko, Juli 2021.

«Bella Ciao» versión trombones, Germån El Trombón & El Clan del Solar

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Anmerkungen der_die Übersetzer_in:

(1)  Sexta Nacional und Internacional: BĂŒndnis derjenigen, die sich der Sechsten ErklĂ€rung aus dem Lakandonischen Urwald der EZLN von 2005 angeschlossen haben

(2) Selbstbezeichnung; verbleibt deshalb im Original; wörtlich: »OriginĂ€re, UrsprĂŒngliche«

(3) SRE: das mexikanische Außenministerium; deren BĂŒros sind auch u.a. fĂŒr die Ausstellung von ReisepĂ€ssen zustĂ€ndig.

(4) Selbstbezeichnung; verbleibt deshalb im Original; wörtlich: »originĂ€re/ ursprĂŒngliche Gemeinschaften/ Völker/ Bevölkerung«

(5) Die Milicianas sind Teil der zivilen Selbstverteidigungsstruktur der EZLN.

(6) Comandanta Ramona verließ 1996 als erste Zapatista die zapatistischen Gebiete in Chiapas; sie nahm damals an der GrĂŒndung des CNI in Mexiko Stadt teil, und musste sich dort auch einer lebensnotwendigen Nieren-Transplantation unterziehen.

(7) Zusammengesetzt aus Ramona (s. 6) und Ixchel: die große Maya-Muttergöttin der Fruchtbarkeit und des Todes

(8) im Original: aspiracionismo. Möglicherweise zu ĂŒbersetzen mit: Strebertum. Bezieht sich auf die Worte des mexikanischen PrĂ€sidenten LĂłpez Obrador: »Der Apirationismus produziert viel UnglĂŒcklich sein.«

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Fuente: Enlacezapatista.ezln.org.mx