June 20, 2021
De parte de EZLN
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Jun192021

La Calamidad Zapatista – Der zapatistische UnglĂŒcksrabe

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La Calamidad Zapatista – Der zapatistische UnglĂŒcksrabe

(erzÀhlt wird die Geschichte des Zusammentreffens vom SupGaleano und Calamidad (*1);

als Beiwerk folgt Die Geschichte des Popcorn; und auf der Sportseite:

Das erste Welt-Fußball-Spiel; sowie andere – fĂŒr den Sup – unsĂ€gliche Geschehnisse)

Anmerkungen als Kopfzeilen (dies lediglich, um die Fußnoten zu vermasseln):

(1) Eine erste Version dieser Geschichte wurde bereits mĂŒndlich im Caracol Tulan Kaw wĂ€hrend des Zweiten [zapatistischen Film-Festivals] Puy ta Cuxlejaltik (*2) im Dezember 2019 erzĂ€hlt. Als Schrifttext war sie bisher unveröffentlicht – bis jetzt. In dieser Version bleibt der ursprĂŒngliche Textkörper erhalten. Einige Details sind jedoch hinzufĂŒgt, die dazu dienen können, mehr als Einen – der an die Kurz-LektĂŒre von Ideen und deren Umfang gewöhnt ist –  zur Verzweiflung zu bringen oder auch nicht. Es ist möglich, dass Du einige Spoiler (*3) ĂŒber das, was jetzt bekannt ist als Â»Ăœberfahrt fĂŒr das Leben«, entdecken wirst. Keine Sorge, es ist ĂŒblich, dass der Zapatismus Dinge Ă€ußert, die noch nicht passiert sind. Die zapatistische Unverantwortlichkeit ist bereits legendĂ€r, also hör‘ auf, Dich zu beschweren oder Klatsch zu verbreiten.

(2) Leider beinhaltet der Text nicht die Spezialeffekte, die im besagten Caracol [wĂ€hrend des Film-Festivals] eingesetzt wurden und die dem SupGaleano 7 Nominierungen einbrachten fĂŒr den »Papp-Popcorn« – höchster Preis, der an diejenige Person verliehen wird, die die meisten SchĂ€lchen mit Popcorn und ordentlich scharfer Sauce verzehrt 
 ohne auf Mittel gegen Sodbrennen zurĂŒckgreifen zu mĂŒssen. Auszeichnungsgrad: »mit oder ohne Film«.

(3) Warning – Warnung: Die folgenden ErzĂ€hlungen könnten Bilder enthalten, die diejenigen schockieren, denen es an Imagination und Intelligenz mangelt, oder an anderen Dingen, die innerhalb der Moderne gleichfalls keinerlei Wert haben. Ihre LektĂŒre wird Erwachsenen ĂŒber 21 Jahren nicht empfohlen, es sei denn sie stehen unter Aufsicht von Kindern unter 12 Jahren. Wie?! Du wirst das lesen, trotz dieser ernsthaften Warnung?! Sagte ich es nicht, es gibt keinerlei Werte mehr – aber hallo!

(4) Die ErzĂ€hlung wurde angeregt durch reales Geschehen. Die Klar-Namen bleiben bestehen, um vor der Rechtskommission des Rates der Guten Regierungen die jeweiligen Verantwortlichkeiten klar zu umreißen 
 Was? Ahja klar, Du kannst die Wahrhaftigkeit des hier ErzĂ€hlten bezweifeln, jedoch 
 Hast du nicht auch daran gezweifelt, dass die Zapatones (*4) Europa invadieren? Achja, wirklich? Alle Wesen, die sich hier zeigen, gibt es wirklich. Falls welche sich das nicht vorstellen können, trĂ€gt die RealitĂ€t daran keinerlei Schuld. Eher ist es mangelnde Imaginationskraft.

(5) Äh, was? Nein, ich schimpfe nicht, ich gebe Dir nur, wie gesagt wird, den Kontext des jetzt Folgenden – und der ist 


-*-

Dies ist die Geschichte eines zapatistischen MÀdchens, das nicht gemocht wurde, weil es unterschiedlich unter den Unterschiedlichen war und ist. Das MÀdchen, von dem ich Euch erzÀhle, wurde in einer indigenen zapatistischen Gemeinde geboren. Der Name seines Dorfes, der Region oder Zone ist hier nicht wichtig.

Immer von Spiegeln weit entfernt, wuchs es heran, indem es die Welt sah und hörte mittels des Blicks und des Gehörs der anderen MĂ€dchen und Jungen. Es wurde als krĂ€ftiges Kind geboren und ist ein großes MĂ€dchen. Und wenn ich sage krĂ€ftig oder groß, so beziehe ich mich auf seine KörpergrĂ¶ĂŸe, seine Statur und Gewicht, und nicht auf sein Lebensalter oder Erfahrung (*5). Jedoch wie Euch bereits sagte, das MĂ€dchen sah sich selbst entsprechend des Blicks der MĂ€dchen und Jungen seines Alters; es war sich seiner Verschiedenheit nicht bewusst.

In seiner Vorstellung von sich selbst war es so klein wie die restlichen MĂ€dchen und Jungen seiner Generation, jetzt zwischen 3 und 6 Jahre alt.

Nachdem es geboren wurde, stĂŒrzte es kurze Zeit darauf. Ihr wisst ja bereits, dass es fĂŒr indigene Frauen ĂŒblich ist, nach dem GebĂ€ren ihre Arbeiten wieder aufzunehmen. Mit dem Rebozo, dem Tragetuch tragen sie das Kleinkind wie Mama KĂ€nguru. Dort isst und schlĂ€ft es  – ihr Produkt – und macht seine sogenannten primĂ€ren BedĂŒrfnisse (das heißt: »großes« oder »kleines GeschĂ€ft«; fĂŒr die Neueingeweihten: gemeint ist damit »urinieren« oder »Stuhlgang haben«). Mit dem Kind derart ihrem eigenen Körper verbunden, handhabt die Frau den Rebozo, wĂ€hrend sie ihre Arbeit macht – und nicht wenige Male verschiebt sich das Tragetuch auf dem RĂŒcken und hĂ€ngt quer. Ergo: Die Mamas ĂŒbertreffen somit die KĂ€ngurus.

Letztendlich gibt es dem Kind eine Überlegenheit ĂŒber diejenige, die es schuf – denn es kann sehen, was seine Mutter nicht sieht. Somit sieht das Kleinkind, wenn es vorne getragen wird, was seine Mutter sieht – und sieht, was seine Mutter nicht sieht, wenn es rĂŒcklings getragen wird. [Es kann] beide Perspektiven [einnehmen], ohne die intime NĂ€he zu seiner Schöpferin zu verlieren. Dieser doppelte Blick – der denjenigen, die in einer indigenen Gemeinde geboren werden, aufwachsen, leben und sterben als normal erscheinen kann – erlaubt dem Kind der Zensur zu entfliehen. Das heißt, es kann Dinge sehen, wĂ€hrend die Mutter vielleicht möchte, dass es sie nicht – oder noch nicht – sieht.

Oh, ich weiß. Ich spekuliere aus einer Erwachsenenwelt heraus ĂŒber das Sehen in der frĂŒhen Kindheit. Dieses jedoch ist eine ErzĂ€hlung oder eine Geschichte, wo Ihr niemals wissen werdet, ob sie wirklich  passiert ist oder passiert – oder erfunden wurde in einer dieser einsamen, mit Kaffee und Tabakrauch angefĂŒllten MorgendĂ€mmerungen, die sich in den Bergen des SĂŒdosten Mexikos ein ums andere Mal wiederholen.

Somit zu dem MĂ€dchen zurĂŒckkehrend: Seine ersten Lebenstage unterschieden sich nicht sehr von denen der Anderen. Manchmal sah es, was die Mutter sah: das Herdfeuer, den Stapel Brennholz, den Topf, die Teller, den Löffel, Auswasch und Eimer, die Tiere, den Schöpfungskomplizen (»Papa« wird es spĂ€ter zu ihm sagen) – und vielleicht auch die anderen Kinder unterschiedlichster GrĂ¶ĂŸe, die herumliefen und Arbeiten machten – die es spĂ€terhin »BrĂŒder« oder »Schwestern« nennen wird und die seine ersten Konflikte darstellen werden. Denn, wie Ihr alle wisst: Geschwister, die sich nicht streiten, sind keine Geschwister.

Wenn es das MĂ€dchen auf dem RĂŒcken getragen wurde, dann sah es eine andere Welt. So könnte es sein, dass das, was da auftauchte, ihm Angst machte – und es sich in den Rebozo flĂŒchtete und dabei vielleicht dachte: »Oh nein, zu viel Information. Jetzt muss ich mich auf das Wesentliche in dieser Welt konzentrieren: heulen, essen, kacken, schlafen, und wieder von vorne.«

Oder es könnte sein, es versteckt sich nicht. Es könnte sein, dass seine Augen sich noch weiter öffnen, und seine kleinen HĂ€nde versuchen, den Flug eines Vogels zu erhaschen – oder diese Ente (ohne zu beleidigen (*6)), die sich ja sehr anders bewegt. Doch wer wĂ€re sie, dies zu kritisieren – wo sie noch nicht einmal wusste, dass diese zwei Dinge dort unten an ihrem Körper zu mehr dienen sollten als zu versuchen, sie in den Mund zu stecken?

Was geschah, hĂ€tte jedem passieren können. Die Mutter, damit beschĂ€ftigt, das Brennholz zu stapeln, schwang sich das Tragetuch schrĂ€g nach hinten auf den RĂŒcken und bemerkte dabei nicht, dass durch diese Bewegung der untere Teil des Tuchs Gefahr lief. Das MĂ€dchen, da es – wie ich Euch bereits sagte – groß und schwer war, rutschte heraus und fiel mit einem »Plumps« auf den Boden – fast unmerklich, denn die SchlammpfĂŒtze, in der es landete, verminderte den Aufprall.

Nicht alle UnfĂ€lle gehen unglĂŒcklich aus. Dem MĂ€dchen blieb keine Zeit zum Heulen, denn just in diesem Moment, kam Mama Cucha des Weges – ein großes Mutterschwein mit einigen seiner  Ferkelchen, den cuchitos im Schlepptau. Das MĂ€dchen schloss sich der Prozession an, auf allen Vieren hinterher robbend – wie ein zusĂ€tzliches Ferkelchen in dieser Herde.

Seine Mama merkte nichts – bis ihr Ehemann vom Maisfeld kam und nach dem MĂ€dchen fragte. Da merkte sie erst, dass das Tragetuch weniger schwer war als ansonsten.

Sie begannen nach dem MĂ€dchen zu suchen und brauchten nicht lange, um es zu finden: Versammelt mit den Ferkelchen vergnĂŒgte es sich mit dem Schlamm und umarmte ein Ferkelchen, das mit seiner Geste der Zuneigung nicht glĂŒcklich war – denn ich sagte es ja bereits: Das MĂ€dchen war groß und schwer.

Der Mann lachte aus vollem Herzen und ging los, sein Handy zu holen, um ein Foto zu machen. Die Mutter meinte, was alle Mamas der Welt in einem Ă€hnlichen Fall sagen wĂŒrden: »MĂ€dchen, du bist ein UnglĂŒcksrabe!«

Da das MĂ€dchen bereits krabbelte, ließ sie das Tragetuch sein – was der RĂŒcken der Compañera sehr begrĂŒĂŸte. Das MĂ€dchen war nicht nur groß sondern auch neugierig. Einmal fiel ihr ein, auszuprobieren, was geschehen wĂŒrde, wenn sie ein brennendes Holzscheit, das aus dem Herdfeuer gefallen war, in einen Lappen einwickeln wĂŒrde. Der Punkt war: Der Lappen stellte sich als  Unterrock der Compañera heraus. Die Mutter erkannte dies, weil es nach verbranntem Nylon roch und schrie: »MĂ€dchen, du bist ein UnglĂŒcksrabe!«

Eines Tages nahm seine Mama es mit zum Markt in der Kreisstadt. WĂ€hrend sie nach einem Unterrock suchte, der den verbrannten ersetzen sollte, nĂ€herte sich das MĂ€dchen einer Pyramide aus Konservendosen. Es schien ihm, als ob die untersten nicht recht angeordnet seien, und so zog es eine von ganz unten heraus. Das Getöse war in der gesamten Markthalle zu hören. Der Eigner des Marktstandes nahm das MĂ€dchen auf den Arm und ĂŒbergab es seiner Mutter mit den Worten: »Señora, ihr MĂ€dchen ist ein UnglĂŒcksrabe.«

Wenn Mann und Frau – nach einem langen Arbeitstag, nach ihren Arbeiten, die sie jeweils zu machen hatten – wieder zusammen kamen und Neuigkeiten austauschten, begann die Mutter ihre Rede mit: »Dieses MĂ€dchen ist ein UnglĂŒcksrabe«, und es folgte eine lange Liste ihrer Streiche.

-*-

Was Alle nicht wissen sollten: Die Jungen und MĂ€dchen respektieren die Champa, die HĂŒtte des SupGaleano nicht. Egal wie viele Fallen und Hindernisse der Sup auch aufstellen mag, sie finden immer den Modus, um an der TĂŒrschwelle aufzutauchen und um Biskuits oder einen Ball oder einfach um eine ErzĂ€hlung zu bitten.

Eines Nachmittags erschien ein groß gewachsenes MĂ€dchen. Der SupGaleano mit seinem charakteristisch diplomatischen TaktgefĂŒhl fragte nur: »Und du? Wer bist du? Dich kenne ich nicht.« Das MĂ€dchen gab logischerweise zu Antwort: »Ich bin eine Calamidad, ein UnglĂŒcksrabe.«

Dem SupGaleano gefiel die Ehrlichkeit des MĂ€dchens, und so ließ er sie in der HĂŒtte sein, bis ihre Mutter ankam, sie suchend. Die Señora brachte Entschuldigungen hervor, denn ihre Tochter sei ein UnglĂŒcksrabe. Der SupGaleano – der Empathie fĂŒr die Kinder hat, vielleicht weil er selbst die PubertĂ€t nicht erreichte – murmelte bloß: »Nun, das MĂ€dchen verbirgt das nicht, es hat es ĂŒbernommen.«

Von da an tauchte das MĂ€dchen immer wieder in der HĂŒtte auf und machte dort, wie es vorherzusehen war, eine seiner KalamitĂ€ten. Es hatte beispielsweise beobachtet, wie der SupGaleano den Gato-Perro (*7), den Katze-Hund ausschimpfte, weil er auf den Boden und gegen die Wand der HĂŒtte pinkelte. Eines Tages kam Calamidad die Lust, Pippi zu machen, und sie kletterte auf die vollkommen zertretene und angesengte Matratze des Sup (denn der Sup ist ein Unverantwortlicher, der im Bett Pfeife raucht – nein, das stimmt nicht; ja, ich bin ein Unverantwortlicher, aber das ist jetzt nicht Thema. Die Matratze war natĂŒrlich bereits platt gelegen – ja, und manchmal ein Niesen – könnt Ihr Euch ja vorstellen) – und machte dort »ihr kleines GeschĂ€ft«. Der SupGaleano regte sich auf und fragte Calamidad, warum sie das mache. Und mit dieser ĂŒberwĂ€ltigenden Logik der Kinder gab sie ihm zur Antwort: »Weil du gesagt hast, hier wird nicht auf den Boden gepinkelt.«

Der Sup wusste nicht, was er sagen sollte, und mit dem Wischlappen tat er, was er konnte, um die Matratze zu reinigen – mit welcher ja auch nicht zu protzen ist. Nachdem eine MĂ€usefamilie sie sich als HeimstĂ€tte gegriffen hatte und mit den Brandflecken durch die aus der Pfeife gefallenen [brennenden] TabakkrĂŒmel, stellte die Matratze auch nichts dar, worum der Sup sich zieren sollte.

Und um das zu bekrĂ€ftigen, sah der Gato-Perro den Sup mit einem Gesicht an wie: »Hier zeigt es sich: Im Vergleich zu Calamidad bin ich ein Heiliger.« Aus dem gleichen Grund sympathisierte der Gato-Perro mit dem MĂ€dchen. Seine Streiche erschienen winzig, verglichen mit denen der gefĂŒrchteten Calamidad.

Und somit vertrugen sich das MĂ€dchen, der Sup und der Gato-Perro bestens, vielleicht weil die Drei dysfunktional waren, fehlerhaft funktionierend. Das heißt, sagen wir es mal so: Sie werden nie dahin kommen, ein bĂŒrgerliches Vorbild zu sein. Sie werden weder Preise gewinnen noch Regierungsposten einnehmen oder Ă€hnlich schreckliche Dinge. Trotz all dem schlich sich Calamidad weg, als die Bande von Defensa Zapatista (*8) auftauchte – denn sie wusste, sie war beim Rest der Menschheit nicht gut angesehen.

Jedoch wie sagte der verstorbene SupMarcos (den der liebe Gott in seinem geheiligten Himmelsreich halte und die heiligste Jungfrau mit ihrem Segen ĂŒberschĂŒtte): »Wenn du denkst, es könnte nichts Schlimmeres passieren, kann immer noch die Bande von Defensa Zapatista auftauchen.«

»Ein UnglĂŒck kommt selten allein«, sage ich – und so brauchte es nicht lange, bis eine Reihe an PhĂ€nomenen zusammen traf, die die Vorgeschichte eines perfekten Sturmes sein wĂŒrden.

Ja, es kam der Tag oder eher ein Nachmittag, als Calamidad in die ausgewĂ€hlte Gruppe von Defensa Zapatista eintrat. Deren stellvertretende Leitung, Esperanza Zapatista – Zapatistische Hoffnung – wiederholte lediglich das Paradoxe ihres Namens 


CALAMIDAD UND DIE BANDE VON DEFENSA ZAPATISTA

Es war Nachmittag in den Bergen des SĂŒdosten Mexikos. Auf der Weide einer Comunidad spielte eine Gruppe von Jungen und MĂ€dchen mit einem Ball. Nun gut, so könnte es welchen vorkommen, die diese Bande nicht kennen.

In Wirklichkeit handelte es sich um ein striktes Training der Kinder-Fußball-Equipe von Defensa Zapatista. In diesem Augenblick ĂŒben sie gerade den Gegen-Schlag – ein Manöver, das Defensa  Zapatista wie folgt erklĂ€rt: »Stellt Euch vor, die verfluchten Feinde der gegnerischen Equipe kommen mit dem Ball angerannt. Sie sind grĂ¶ĂŸer als wir, spielen besser als wir, und das gesamte Publikum unterstĂŒtzt sie. Sie sind besser genĂ€hrt als wir, besser trainiert und haben ordentliche Fußball-Kleidung, und wir spielen auf ihrem Spielfeld. Das heißt, sie sind die Lokalen. Was machen wir?«

Pedrito zuckt mit den Achseln; Defensa Zapatista‘s Hypothesen erscheinen ihm immer prinzipiell fehlerhaft und schlecht durchdacht. Das einĂ€ugige Pferd unterlĂ€sst es einen Moment, auf der Plastikflasche herum zu kauen, es macht den Eindruck, als ob es einen Augenblick nachdenkt. Danach fĂ€hrt es weiter fort, als ob nichts wĂ€re. Der Gato-Perro stellt sich hinter Defensa auf; er scheint auch auf die Antwort zu warten. Esperanza Zapatista merkt, dass sie als Einzige ĂŒbrig bleibt, somit wappnet sie sich mit dem Mut der Frauen, die kĂ€mpfen – nichts als Widerstand und Rebellion – und hebt ihre kleine Hand. Defensa atmet erleichtert auf und sagt: »Lass‘ mal hören, Esperanza. Was werden wir tun?« Esperanza Zapatista rĂ€uspert sich ein wenig und – der vom verstorbenen SupMarcos geschaffenen zapatistischen Methode folgend – fragt es zurĂŒck: »Wir laufen weg?«

Der Gato-Perro bewegt zustimmend den Schwanz. Pedrito ist kurz davor zu sagen, die Antwort-Frage von Esperanza  eröffne ein neues erkenntnistheoretisches Gebiet; das einĂ€ugige Pferde kaut weiterhin – jedoch jetzt noch krĂ€ftiger.

Defensa Zapatista rauft sich die Haare und ruft: »Nein, nichts mit Weglaufen. Sondern nichts als Widerstand und Rebellion. Was wir tun, ist einen Gegenschlag versetzen. Nun, einen mÀchtigen Tritt, der den Ball sehr weit fliegen lÀsst. Mal sehen, Pedrito, du trittst jetzt den Ball.«

Bei Wissenstheorie und erkenntnistheoretischen Paradigmen wird Pedrito immer sehr gewitzt, den Ball schießt er jedoch immerzu schief. Somit wird der Ball anstatt ins gegnerische Spielfeld in den kleinen See fallen, der sich an einer Seite der Weide befindet – pardon, an der Seite des Platzes fĂŒr autonomes Hochleistungstraining – Erlaubnis des Rates der Guten Regierung, Nummer was-weiß-ich, mit Sitz im Caracol Tulan Kaw, Ort bekannt.

Die Bande drĂ€ngt sich am Ufer des kleinen Sees zusammen und schaut trostlos, wie der Ball genau in mitten des unwirtlichen Meeres dahintreibt 
 o.k., in mitten der großen PfĂŒtze; denn »der See« hat nicht mehr als 10 m Durchmesser und ĂŒberschreitet nicht die Tiefe von 50 cm.

Esperanza Zapatista – mit einem Optimismus, den ihr Name verrĂ€t – gibt von sich: »Sicherlich gibt es dort brutale Haie – von dieser Sorte, die Dich nicht einmal zerkauen, sondern Dich einfach verschlucken – und dann stirbst Du grausam im Bauch des Hais – in mitten von kleinen Fischen und Plastikflaschen, die er zuvor verspeiste.«

Das einÀugige Pferd stellt die Ohren auf als es »Plastikflaschen« hört, aber es bewegt sich nicht.

WĂ€hrend Esperanza dieses wunderschöne impressionistische Bild – Modell: »Sharknado« (*9) – beschrieb, hatte Pedrito sein Smartphone zu Rate gezogen.

»Unmöglich. In SĂŒĂŸgewĂ€ssern gibt es keine Haie. Infolgedessen gibt es vor diesen Selachimorpha nichts zu fĂŒrchten.«

 Alle atmen erleichtert auf. Pedrito jedoch fĂ€hrt weiter fort: »Andererseits ist es sehr wahrscheinlich, dass es Krokodile gibt«, und zeigt dabei auf etwas wie einen Baumstamm, der im kleinen See treibt. Alle erschauern.

Der Gato-Perro seinerseits ist zwar Hund aber auch Katze, also nichts da mit Sich-nass-machen.

Defensa Zapatista zieht ihre SchlĂŒsse: »Nun gut, der Ball war ja auf jeden Fall bereits alt. Vielleicht hat der Sup noch einen anderen aufbewahrt, oder bittet diejenigen in der Stadt darum.«

WĂ€hrend die gesamte Bande versucht, ihre Angst als Bedachtsamkeit zu kleiden, kommt Calamidad hervor, die alles aus ihrem Versteck beobachtet hatte – und wirft sich ins Wasser, sammelt den Ball ein und kommt mit ihm an und setzt ihn genau vor Defensa Zapatista ab.

Die Bande, nachdem sich ihre VerblĂŒffung gelegt hat, klatscht wilden Beifall und versucht, Calamidad auf ihre Schultern zu heben. Doch sie wiegt schwer, und so ziehen sie es vor, ihr auf die Schulter zu klopfen.

Nachdem der Ball wiedergewonnen wurde, fÀngt Defensa Zapatista an, neue Instruktionen zu geben. Als jedoch alle sich umdrehen, hat Calamidad den Ball erneut ins Wasser geworfen.

Defensa fragt: »Was hast du gemacht?« Aber anstatt eine Antwort zu geben, wirft sich Calamidad erneut ins Wasser und holt den Ball erneut heraus. Wieder applaudieren sie. Beim dritten Mal nimmt die Bande den Ball mit Grabesschweigen in Empfang.

Beim fĂŒnften mal mĂŒssen alle Calamidad festhalten, damit sie nicht noch einmal den Spielball ins Wasser wirft. Calamidad ist ganz durch einander. Wie? Das Spiel ging so nicht?

Die Equipe zieht sich ein wenig zurĂŒck, eifersĂŒchtig den Ball hĂŒtend und weit entfernt von Calamidad’s Zwanghaftigkeiten. Nur Defensa Zapatista verbleibt nachdenklich und schaut gespannt auf das MĂ€dchen. In ihrem komplexen Denken – voll fußballerischer Strategie und Taktik – versteht sie nun, was einmal der verstorbene SupMarcos geĂ€ußert hatte: »Das Wunder der Überraschung liegt nicht nur darin, etwas Unerwartetes zu tun, sondern auch darin – wo es gemacht, wann es gemacht wird, mit was 
 und mit wem.« Das Gesichtchen von Defensa Zapatista strahlt. Sie fragt das MĂ€dchen: »Wie heißt du?« Dies gibt zur Antwort: »Ich bin eine Calamidad, ein UnglĂŒcksrabe.«

Defensa umarmt Calamidad und sagt ihr: »Du wirst in unserer Equipe sein. Von jetzt an heißt du Calamidad Zapatista« – und sich an den Rest der Gruppe richtend meint sie: »Jetzt haben wir eine neue Geheim-Waffe.« Alle schauen voll Schrecken – wĂ€hrend Defensa gerade eine neue und komplizierte Spiel-Strategie erklĂ€rt, die sie »Widerstand und Rebellion« nennt – als Calamidad erneut den Ball ins Wasser wirft und nach einem LĂ€cheln sich in das wĂŒtende Meer wirft 
 o.k., in den kleinen See, um den Ball zu erhaschen.

Esperanza schwört, dass ein fĂŒrchterlicher Wal den Ball zu Calamidad brachte. Pedrito erklĂ€rt, es war kein Wal sondern der Kraken (*10), der sich auf zapatistisches Land geflĂŒchtet hat 
 o.k., in zapatistische GewĂ€sser.

Bild 1 mit Plastik-Wal

Calamidad war glĂŒcklich, weil sie neue Freunde hatte – und nicht irgendeine Freundes-Gruppe sondern es war die Bande von Defensa Zapatista – die einzige gegen die es praktisch in allen zapatistisch-organisativen Strukturen ZulassungsbeschrĂ€nkungen, einstweilige Anordnungen gibt .

Calamidad Zapatista wird 3 oder 4 Jahre alt sein, und da sie die Kleinste vom Alter her jedoch nicht der GrĂ¶ĂŸe nach ist, sagt sie zu Älteren: »Doña«, wie es ihr beigebracht wurde. Zu Defensa Zapatista sagt sie: »Doña Defensa«, was weder Defensa noch Esperanza schmeichelt, die mit 8 Jahren derart zu »Doña Esperanza« wird.

Bereits schon in der neuen Gruppe fĂŒhlte Calamidad auf einmal die Notwendigkeit, dies ihrer alten Kinder-Bande mitzuteilen. Sie hielt eine sinnige Abschiedsrede gegenĂŒber einigen kleinen Ferkeln –  die sie beschnĂŒffelten und ihr an den Hosenbeinen knabberten. Die Anwesenden schwören, dass sich Mama Cucha die Augen trĂŒbten.

Die Subs, das Geheime RevolutionĂ€re Indigene Komitee (CCRI) (*11), die Zonen, die RĂ€te der Guten Regierungen, die Zapatistischen Autonomen Rebellischen Landkreise und alle gewesenen und noch kommenden autonomen Kommissionen werden sich beschweren, so viel sie wollen – eines jedoch muss der Bande von Defensa anerkannt werden: Sie beschĂŒtzen sich untereinander.

Somit konnte Calamidad wieder an verschiedenen öffentlichen Feierlichkeiten der EZLN teilnehmen, die ihr zuvor verboten waren, weil gefĂŒrchtet wurde, sie wĂŒrde eine KalamitĂ€t begehen.

Nun, es war nicht seltsam, bei den Events ein herumlaufendes MĂ€dchen zu sehen, das umgeben war von einem starken Begleitschutz aus MilizionĂ€rinnen. Wir alle jedoch wussten, dass sie nicht auf das MĂ€dchen aufpassten sondern auf die Besucher –  nun denn – sie war eben ein UnglĂŒcksrabe.

Pedrito erklÀrt es auf diese Weise:

 Â»Nun, die Compañerita, die kleine Compañera Calamidad – wie soll ich es Dir sagen – nun sie ist eine KalamitĂ€t, ein UnglĂŒcksrabe. Kein Mensch mag sie – lediglich der Sup und Defensa Zapatista mögen sie gern. Und natĂŒrlich sprechen sie mit dem Sup, und dann fangen beide an, gegenseitig zu singen – Calamidad und der SupGaleano. Sie singen schauerlich, als ob sie Bauchweh hĂ€tten. Sie meinen jedoch, sie wĂŒrden sehr hĂŒbsch singen. Sie fĂŒhren ihre TheaterstĂŒcke auf und kein Mensch schaut zu. Lediglich die Grillen nehmen daran teil. Und der Sup sagt, die Grillen klatschen Beifall. Aber wie soll das denn sein, die Grillen lĂ€rmen ja stĂ€ndig, also kann es kein Applaus sein. Calamidad glaubt das jedoch, und sie macht ihre Dankes-Runden – so hat sie der Sup gelehrt – und dann erzĂ€hlt der Sup noch einige wundervoll-schauerliche Geschichten, wĂ€hrend sie Popcorn verschlingen.«

Und genau in diesem Augenblick befinden sich lediglich der Sup, der Gato-Perro und Calamidad in der Champa, der HĂŒtte. Und plötzlich, einfach so, steckt sich der Sup eine Handvoll Popcorn mit scharfer Sauce in den Mund, nimmt einen Schluck des bekannten Cola-ErfrischungsgetrĂ€nks und fĂ€ngt an zu erzĂ€hlen 


DIE GESCHICHTE DES POPCORN

Vor langer Zeit – als die Zeit begann noch schwankend-taumelnd zu laufen, wie ein betrunkener kleiner Alter, viejito bolo, versammelten sich die die grĂ¶ĂŸten Götter, die die Welt geschaffen haben, in einer Asamblea. Sie trafen die Übereinkunft, die Weiseste von allen – die IxmucanĂ© (*12) – zu beauftragen, die Mais-MĂ€nner und Mais-Frauen zu erschaffen.

Die mĂ€nnlichen Götter waren natĂŒrlich sehr trottelig, weil es ihnen nicht einfiel, IxmucanĂ© könne dies ja gar nicht tun, da noch keine Mais-Pflanzen geschaffen waren. Somit meinte IxmucanĂ©: »Ah, kleine BrĂŒder, also wirklich, nicht zu glauben 
 Wie kann ich die Menschheit aus Mais machen, wenn der Mais noch nicht existiert?« »Ist ja gut«, sagten die mĂ€nnlichen Götter darauf, »jedoch sieh zu; denn es ist die Vereinbarung der Vollversammlung; die wirst Du zu erfĂŒllen haben.«

Ixmucané murrte eine ganze Weile vor sich hin, so wie die Frauen murren, wenn sie was tun möchten und es fehlt das Wie. (Ja, die verflixten Kerle bedenken dies durchaus nicht; doch jetzt, wie mache ich es; mal sehen, was mir in den Kopf kommt, um das Problem zu lösen.)

WĂ€hrend IxmucanĂ© am Nachdenken war, begannen die mĂ€nnlichen Götter, schlecht [ĂŒber sie] zu sprechen: Sie sei ein Faulpelz, die die Übereinkunft nicht umsetze; sie suche AusflĂŒchte wie ein Enterich – »wie eine Ente«, merkte einer der Götter an. Ein anderer warf ein: »und das, wo wir Enten noch gar nicht erschaffen haben«, und derart weiter. Somit sagten sie sich, wozu auf IxmucanĂ© warten, wenn sie selbst doch die Weisen sind.

Daraufhin schufen sie die ersten MĂ€nner und Frauen – aus dem, was sie als erstes vorfanden, das heißt: aus Holz. Die MĂ€nner und Frauen aus Holz bewegten sich doch nicht gut; sie liefen herum als hĂ€tten sie einen Krampf.

Somit schufen sie andere aus Gold, jedoch diese waren sehr schwer und konnten noch nicht einmal laufen.

Und wĂ€hrend die mĂ€nnlichen Götter darĂŒber nachdachten, wie es zu machen sei, zwangen die Gold-Menschen die Holz-Menschen dazu, sie zu tragen, von hier nach dort zu bringen, sie zu ernĂ€hren und zu verehren.

Die Götter wussten nicht, was zu tun sei. Da kam  IxmucanĂ© herbei und sah, in welchem Zustand alles war. Nun, daraufhin wurde sie wĂŒtend und beschimpfte die mĂ€nnlichen Götter, es sei ihre Schuld, dass die Versklavung der Holz-Menschen durch die Gold-Menschen so lange andauern werde.

Und die mĂ€nnlichen Götter gaben zur Antwort: »Waren wir das vielleicht? Wer weiß wo das herkommt. Wir waren mit wichtigen Dingen beschĂ€ftigt.«

IxmucanĂ© rief aus: »Schluss jetzt. Außer dass Ihr Trottel seid, seid Ihr auch noch Feiglinge, die die Verantwortung fĂŒr die Blödseligkeiten, die Ihr macht, nicht ĂŒbernehmen. Das, was Ihr schlecht gemacht habt, werden wir Patriarchat nennen – denn nur pure kleine Machos, Machitos, haben sich diese Ungerechtigkeit so schlecht ausgedacht.«

Nach dieser Schimpftirade zeigte ihnen IxmucanĂ©, dass sie den Mais bereits geschaffen hatte. Daraufhin klatschten die mĂ€nnlichen Götter Beifall, sie beglĂŒckwĂŒnschten sich und meinten, sie hĂ€tten ja diese großartige Idee gehabt und IxmucanĂ© hĂ€tte nur das in die Praxis umgesetzt, was sie selbst in der Theorie sich ausgedacht hatten.

IxmucanĂ© sagte dazu nichts, jedoch trug sie in ihren HĂ€nden Mais in allen Farben. Damit erschuf sie die MĂ€nner und Frauen, die auf dieser Welt leben. Auch erschuf sie die*der Anderen, loas otroas, denn sie sagte, es ist gut, wenn die Welt weiß, dass sie im Inneren viele Welten trĂ€gt – und nicht nur die Welten, die lediglich einfach zu sehen sind. So entstanden die MĂ€nner, die Frauen und die*der Anderen 
 Und die Götter machten sich ans Tanzen.

Bild 2: (Illustration in Mischtechnik. Libe, Mexiko Stadt, 2021)

IxmucanĂ© blieb, ihre HĂ€nde betrachtend – und sie sah, nicht alles, was sie verwendet hatte, um den Mais zu schaffen, war genutzt. Da war immer noch ein wenig. Sie dachte daraufhin, es fehle noch eine weitere Lektion fĂŒr die Welt, die damals gerade begonnen hatte zu laufen. So erschuf sie ganz kleine Maiskörner, die sie in die Erde streute, damit sie entstehen.

Bild 3: (Illustration in Mischtechnik. Libe, Mexiko Stadt, 2021)

Eine Zeit spĂ€ter liefen die Mais-Körner ĂŒberall herum, sie arbeiteten, damit die MĂ€nner, Frauen und die*der Anderen, die die Welt am Aufbauen waren, Kraft hatten. Niemand beachtete jedoch die ganz kleinen Maiskörner, sie wurden verspottet und verachtet. Die kleinen Maiskörner wurden traurig, weil niemand sie wahrnahm. Somit kam einer Gruppe kleiner Maiskörner der Gedanke, so sei es nicht richtig – und warum sie wohl verachtet und nicht wahrgenommen werden.

Und sie waren damit absolut nicht einverstanden. Dort stand die Gruppe der ganz kleinen, inkonformen Maiskörner, und die anderen Maiskörner gingen vorbei und sagten: »Nun, da ist sie, die  nicht einverstandene Gruppe der kleinen Maiskörner, aber sie sind sehr klein, niemand wird sie beachten.«

Die kleinen Maiskörner dachten darĂŒber nach, dass es so nicht gehe und alles gleich bleiben wĂŒrde, obzwar sie nicht einverstanden sind. Da kam IxmucanĂ© an – die gerade eine Welten-Tour machte – um nachzusehen, ob alles gut und gerecht umgesetzt wird. Sie traf auf die Gruppe der kleinen Maiskörner und fragte sie, was sie so tun. Und die kleinen Maiskörner erklĂ€ren ihr Nicht-EinverstĂ€ndnis. IxmucanĂ© lachte, jedoch nicht aus Spott sondern mit Zuneigung und meinte zu den kleinen Maiskörnern: »Nun gut, schaut mal, kleine Geschwister, es reicht nicht aus, nicht einverstanden zu sein, es muss sich in Widerstand und Rebellion versetzt werden. Es braucht, dass Ihr rebelliert, das heißt, Wut habt, nun ja, zornig seid und Euch organisiert.«

Ixmucané verabschiedete sich, denn die mÀnnlichen Götter waren weiterhin dabei, Dummheiten zu machen, und sie musste danach sehen, es wieder zu richten.

Die Gruppe der kleinen Maiskörner dachte darĂŒber nach, was IxmucanĂ© gesagt hatte, und sie sagten zu einander: »Na dann los, wir werden uns jetzt Ă€rgern.« Und sie begannen an alle Erniedrigungen und SchmĂ€hungen zu denken, die ihnen angetan wurden, und die Wut wuchs und und der Zorn erhitzte ihr GemĂŒt. Mehr und mehr. Sie waren schon ganz rot vor lauter Wut, sodass die Hitze kaum auszuhalten war – und: Bummm! Ein Maiskorn platzte, sprang herum, wurde ganz aufgeblasen-schwammig, danach ein weiteres. Es strich ein Wind vorbei, der sie anhob. Alle wunderten sich und staunten, dass die kleinen Maiskörner fliegen. Die anderen kleinen Maiskörner fingen an, es genauso zu machen. Nach einer kleinen Weile platzte und hĂŒpfte ein anderes herum – und noch eins, und noch andere. Dann waren es viele und die Luft fĂŒllte sich mit kleinen geplatzten Maiskörnern an.

Bild 4: (Illustration in Mischtechnik. Libe, Mexiko Stadt, 2021)

Ein MĂ€dchen sieht sie in der Luft fliegen und meint: »Sie sehen wie Tauben aus (*13).« Ein Junge fĂŒgt hinzu: »Ja, aber wie ganz kleine.« Das MĂ€dchen daraufhin: »Genau! Wie Palomitas: kleine Tauben, Popcorn (*13).« Der Junge – nun, wie Jungen so sind, greift sich ein Popcorn, isst es und gibt von sich: »Ist sehr lecker.« Das MĂ€dchen antwortet:  »Ja, aber als ob noch was fehle«, und findet plötzlich ein FlĂ€schchen, welches IxmucanĂ© zurĂŒckgelassen hatte, als ob sie es vergessen hĂ€tte. Das MĂ€dchen schĂŒttet ein wenig von der FlĂŒssigkeit auf das Popcorn, und es war als ob es scharf brennen wĂŒrde – aber lecker.

Daraufhin riefen der Junge und das MĂ€dchen alle Jungen, MĂ€dchen und Jungen*MĂ€dchen, MĂ€dchen*Jungen der Welt herbei. Sie begannen damit, die fliegenden Maiskörner zu sammeln, sie in eine Schale zu geben und machten ordentlich pikante Sauce drauf – und sie aßen so lange bis sie Durchfall bekamen. Aber wie Ihr wollt: Sie hatten ihr Fest gefeiert.

All das betrachteten die anderen Maiskörner bewundernd und ĂŒberrascht; denn jene waren die einzigen, die fliegen konnten, und somit erwiesen sie den kleinen Maiskörnern ihren Respekt. Ihnen verblieb der Name: »Popcorn – MaĂ­z Palomera«. Das bedeutet: »Mais, der fliegt und der ein Fest begeht.« Dies in einer Sprache, die ich gerade erfunden habe.

Und somit: Tan-tan.

 Calamidad applaudiert begeistert. Der Gato-Perro nicht, denn seine Pfoten stecken gerade im Popcorn mit pikanter Sauce, und geduldig schleckt er sie ab – denn hier wird nichts verschwendet 
 wenn es sich um Popcorn handelt

Calamidad erklĂ€rt, sie wĂŒrde Palomitas (*14) spielen. Sie bleibt mitten in der HĂŒtte stehen und fĂ€ngt an, die Luft anzuhalten und sich aufzublasen. Sie wird rot, dunkelrot (wie die kleinen Kinder, wenn sie plĂ€rren). Der Sup ist kurz davor, ihr einen Klaps zu geben, damit sie atmet als Calamidad aufhĂŒpft und einen Schrei ausstĂ¶ĂŸt: »Bummm!« Sie schaut auf den Sup, darauf wartend, dass er das Gleiche tut. Und als der Sup einfach weiter isst als ob nichts wĂ€re, spricht Calamidad zu ihm: »Seid  Ihr Zapatista oder was?« Dem Sup hatte sie damit eins ĂŒbergebraten, und er hĂ€lt die Luft an. Mit dem Mund voller Tabakrauch und Popcorn jedoch, schafft es er schlechterdings lediglich zu husten und dabei halb zerkautes Popcorn aus sich heraus zu prusten. Calamidad – das kleine Gesicht voll eigener und fremder Popcorn-KrĂŒmel – klatscht enthusiastisch in ihre HĂ€nde, denn der Sup hat – wie sie sagt – einen Klang hervorgebracht, wie der von vielen platzenden Popcorns.

Der Sup war halb erstickt, erholt sich jedoch sofort als die Insurgenta der SanitĂ€t ankommt und meint: »Da muss eine Spritze gesetzt werden.« Alle laufen weg, an der Spitze der Gato-Perro – nicht dass sie ihn noch mit einem Subcomandante verwechseln wĂŒrden. Lediglich Calamidad bleibt zurĂŒck und zieht mit dem kleinen Rucksack der Compañera der SanitĂ€t los, Richtung kleiner See – worin zwei Wale sich tummeln und in die Luft springen. Sie wissen sich sicher vor den Schiffen der verflixten großen Kapitalisten, »chinesisch-japanisch-koreanisch«, die – anstatt ihren usos y costumbres (*15) zu folgen – wie Anime, K-Pop ( 팬 덀 ê”° 대 음 ì–Ž ) und Stadtmauern (*16) –  Wale jagen, um sie in Dollar, Won, Yen, Euro zu verwandeln (ihre Reste dann noch in Peso) 


– Bild 5: (Illustration in Mischtechnik. Libe, Mexiko Stadt, 2021)

WIE DAS FUSSBALL-TEAM VON DEFENSA ZAPATISTA

SEIN ERSTES INTERNATIONALES SPIEL GEWANN

Eines Tages realisierte sich das erste internationale Fußballspiel zwischen dem intergalaktischen Team der Frauen, die kĂ€mpfen und der sehr anderen Equipe mit Defensa Zapatista als SpielfĂŒhrerin.

Die seltsame Strategie der technischen Direktorin des zapatistischen Teams schien aufzugehen:

Wenn die gegnerische Equipe den Ball hatte und in die Offensive ging, betrat Calamidad das Spielfeld, nahm den Ball und warf ihn in den See.

Im gleichen Moment begann Defensa Zapatista‘s Team GerĂŒchte ĂŒber grausame Haie zu streuen, die sich im See herum tummeln sollen. Pedrito erklĂ€rte, dies könne nicht sein, jedoch sicherlich gĂ€be es riesige Krokodile. Esperanza erzĂ€hlte von einem enormen Wal, der von Zeit zu Zeit mit einer weißen Pasamontañas, der Skimaske auftauchte.

Letztendlich wurde eine Panik gesÀt, mit einer Geschicklichkeit, sodass Du die Sozialen Netzwerke getrost vergessen kannst.

Na klar, Calamidad warf sich ein ums andere mal ins Wasser und brachte den Ball zurĂŒck. Das gegnerische Team beglĂŒckwĂŒnschte sie als Geste des sogenannten Fair Play und versuchte sie auf die Schultern zu heben, jedoch als 
 darĂŒber brauchen wir jetzt nicht zu reden.

Beim vierten mal forderte die internationale Equipe der Frauen, die kĂ€mpfen den Platzverweis der Überschreiterin [der Regeln] – die von Zeit zu Zeit den Ball in das mit Tigerhaien, Echsen und Alligatoren, Hydren und Kraken bis hin zu Mörderwalen (so sagten sie) verseuchte Meer warf.

Sie spalteten sich jedoch innerhalb, denn sie begannen ĂŒber die Gender-Schwesternschaft zu diskutieren, ĂŒber Calamidad ausschließen zu wollen, zeige, wie das heteropatriarchale Denken die Frauen vergifte.

Sie diskutierten lange und als sie aufmerkten, hatte der Gato-Perro den Kopf des einĂ€ugigen Pferdes bereits als Abprall-Mauer genutzt. Das Pferd lag dabei schlafend am Spielfeldrand. Mit einem Weder-Messi-Ronaldo-Stil schoss er den durch den Abprall beschleunigten Ball in das gegnerische Tor. Dies wurde nicht nur vom Publikum, das die Weide anfĂŒllte – wollte sagen: das Stadium anfĂŒllte – gefeiert (obzwar lediglich der SupGaleano, ElĂ­as Contreras prĂ€sent waren und ein einsamer Popcorn-Stand, wo sich zwei Insurgentas mĂ€chtig langweilten). Auch von Defensa Zapatista; denn es war doch das erste mal, dass der Gato-Perro nicht das eigene Tor traf.

Der Schiedsrichter ließ den Schlusspfiff erklingen und das Fußball-Spiel war zu Ende. Die Bande von Defensa Zapatista hatte ihren ersten Welterfolg errungen.

Erneut versuchten sie, Calamidad auf die Schultern zu heben, und erneut scheiterten sie daran. Somit fand die Feier nicht die Form, sich zu materialisieren.

Der SupGaleano jedoch löste das Ganze als er meinte, dies alles wĂ€re nur Klatsch und Tratsch, nichts sei bestĂ€tigt, vielleicht handele es sich um eine fake-news. Er habe jedoch gehört, Vlady hĂ€tte dem SubMoy eine ganze Schachtel mit Donuts der verschiedensten Geschmackssorten ĂŒbergeben. Der SupGaleano beklagte, dass es keine Biskuit-KĂŒchlein seien, aber wie sagt ein Sprichwort – welches er im gleichen Augenblick erfand – »Fehlen Biskuits, gibt es Donuts.« Der SubMoy sei zum Filmfestival gegangen und hĂ€tte die General-Kommandantur der ezettellenn abgeschlossen, dies wĂ€re ein Problem. Die Lösung bestĂŒnde jedoch darin, dass er den SchlĂŒssel dem SupGaleano ĂŒbergeben habe, der ihn just in diesem Moment vor der Kinderbande fallen ließ. Ja, es wĂŒrde ihn sehr beschĂ€men, dem SubMoy gestehen zu mĂŒssen, er hĂ€tte den SchlĂŒssel im Stadion verloren – na gut, auf der Weide. Die Bande von Defensa Zapatista jedoch hĂ€tte ihn unterstĂŒtzt und so hĂ€tten sie ihn wieder gefunden: »Und hier ist er, der SchlĂŒssel, SubMoy. ErzĂ€hl‘ mir doch, wie es auf dem Film-Festival war.«

Als der SubMoy bemerkte, dass von der Schachtel mit Donuts lediglich der Karton ĂŒbriggeblieben war, kam gerade der SupGaleano an, um ihn zu informieren, im kleinen See innerhalb des Puy (*17) sei ein großer Wal gesichtet worden, auf dessen Kinnbacke ein StĂŒck Rgenbogenfarbener Donut klebe. Dies zeige an, erkannte der SupGaleano intuitiv, es handele sich weder um einen weiblichen noch mĂ€nnlichen Wal sondern um eine*n Ballenoa, ein*e Wal*in. Unsere Pflicht als Zapatistas sei es, Schutz und UnterstĂŒtzung zu geben, denn die Differenz dĂŒrfe weder verfolgt noch bestraft sondern mĂŒsse gefeiert werden, beispielsweise mit einem Tanz. Und welch ein Zufall! Der SupGaleano hatte jĂŒngst die Musik-Kommission selbstkritisiert, denn die Compañeros Musiker spielten lediglich La Yaquecita, und es reicht jetzt damit (vorherige Nacht haben sie es 53 mal gespielt) und mit dem ewigen »und so, unD so, und so  « (Beim vorletzten Tanz wurde es 32 mal aufgefĂŒhrt). Die Musik-Kommission gab zur Antwort: »Wir werden mal sehen. « Die musikalischen Compañeros starten jetzt aber voll durch mit der Cumbia del Sapito, der Kleinen Kröte. Denn wie alle wissen, ist die Kröte eine Cousine des Wals. Über die Lautsprecher wird nun die Tanzerei angekĂŒndigt und die Leute bis hin zu den Tercios, Tercias Compas laufen dorthin und lassen die Fußball-Teams verwaist zurĂŒck. Sie bringen den SubMoy zum Tanz 


Bild 6: (Aquarell. Fernando Llanos, Chiapas, 2019, Fragment aus dem  Buch «Reise  zu RealitĂ€t». Ediciones Necias.)

Und es bleiben lediglich der SupGaleano und der Gato-Perro allein zurĂŒck. Dieser bellt und miaut ihn an, daraufhin sagt der Sup: »Ich wusste, du wirst es bemerken.« Und beim Absetzten der Kappe spricht er: »Abrakadabra« und zaubert einen neuen Schokoladen-Donut hervor: der letzte Donut der Berge des SĂŒdosten Mexikos. Da die Schokolade geschmolzen war und damit der ganze Kopf verklebt ist, denkt der Sup darĂŒber nach, wie er die Pasamontañas wieder sauber bekommt.

Und wĂ€hrend er mit dem Gato-Perro den Donut teilt, erzĂ€hlt er ihm eine wundervoll-schreckliche Geschichte von einem MĂ€dchen, das sich Calamidad Zapatista – Zapatistischer UnglĂŒcksrabe nennt – und die zum UnglĂŒck der beiden in diesem Augenblick in der Champa mit dem Ton-Mischpult der Tercios Compas (*18) auftaucht. Sie sagt nur: »Spielen wir?« – wĂ€hrend sie sich dem See zuwendet, um die Anlage ins Wasser zu werfen – dort wo einige Ballenoas, Wal*innen glĂŒcklich hoch springen, weil sie wahrgenommen werden.

Und ja, auf jeden Fall, mussten der Gato-Perro und der SupGaleano den Donut mit Calamidad teilen. So hielten sie sie auf, jedoch nur einen Moment lang, denn Calamidad hatte bereits das Popcorn des SupGaleano gefunden. Mit Zucker verklebten Wangen gibt sie fröhlich kund: Lasst uns Palomitas spielen!

Tan-tan.

Aus den Bergen des SĂŒdosten Mexikos.
Der SupGaleano.

Merkend, dass es ist nicht möglich ist, die Pasamontañas mit Spucke zu sÀubern,
löst er das Problem, indem er sich einen Cowboyhut aufsetzt.
HĂŒbsch ist der Kerl. Ja, jedem das Seine. AjĂșa!

2019–2021.

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*Anmerkungen der_die Übersetzer_in:

(1) Denkt an Calamity Jane. Calamidad kann auch heißen: Ärgernis, Pechvogel, UnglĂŒck, KalamitĂ€t.

(2) tseltal: »Meeresschnecke unseres Lebens«

(3) spoiler: etwas fĂŒr social-network-freaks

(4) »die Galoschen«

(5) im Original steht »grande: im Mexikanischen kann dass groß, krĂ€ftig aber auch alt bedeuten: »una persona grande« kann ein alter Mensch sein, groß an Erfahrung.

(6) »pato« kann auch Trampel bedeuten

(7) Gato-Perro: listiges »Mischwesen«; taucht seit 2014 in den Geschichten des Sup auf

(8) Defensa Zapatista: wörtlich ĂŒbersetzt: »Zapatistische Verteidigung«

(9) US-amerikanischer Trash-Katastrophen-Film von 2013.

(10) riesiges Seeungeheuer der populÀren skandinavischen Legenden

(11) Die Subs sind: Subcomandante Insurgente MoisĂ©s: Sprecher der EZLN und militĂ€rische Leitung ihrer Selbstverteidigungsstrukur der Insurgentas, und Subcomandante Insurgente Galeano. Das CCRI ist die kollektive oberste politische Leitung der EZLN; eine politische Struktur, die nach dem Aufstand vom 1.1.1994 geschaffen und gewĂ€hlt wurde, um öffentlich die Pueblos zu reprĂ€sentieren. Seine Mitglieder sind die Comandantes und Comandantas, denen die Subcomandantes unterstehen, deshalb heißen sie Sub 


(12)  IxmucanĂ©: Maya-Muttergöttin; laut dem Popol Vuh der Pueblos KÊŒicheÊŒ schuf sie die Menschen aus Mais.

(13)  Taube: Paloma; Popcorn: Palomitas

(14) So nennt sich auch ein Kinder-Computer-Spiel.

(15) wörtlich ĂŒbersetzt: »Sitten und GebrĂ€uche«.

(16) Anime: Hand- und Computer-generierte Animationsbilder, ursprĂŒnglich aus Japan; Stadtmauer: wohl eine Anspielung auf die chinesische Mauer

(17) in tseltal fĂŒr Caracol (Meeresschnecke)

(18) zapatistische Medien-Kollektive

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Fuente: Enlacezapatista.ezln.org.mx